Lieber auffallen als verschwinden
Aufgewachsen zwischen Hoffnung und Abschied
Dieses Buch ist kein Roman. Es trägt meinen Namen, weil es meine Geschichte ist. Ich habe lange überlegt, ob ich sie erzählen soll. Nicht weil ich Angst vor den Worten hatte – sondern weil ich Angst hatte, dass sie nicht reichen. Dass jemand liest und denkt: Noch so ein Heimkind, das jammert. Aber dann dachte ich an die Kinder, die heute dort sitzen, wo ich gesessen habe. Im Flur. Barfuß. Mit einem Koffer, der zu klein ist für alles, was sie tragen. Ich war das Kind, über das man sagte: Schwierig, Auffällig, Nicht tragbar, Oppositionell. Ich war der Junge, der geschlagen hat, weil er nicht wusste, wie man um Hilfe bittet. Der laut wurde, weil Stille bedeutete, vergessen zu werden.
Kapitel 1: Ich stand im Flur. Barfuß. Die Füße kalt auf den Fliesen. Ich wusste, was danach kommt. Ich hörte es am Gürtel. An der Art, wie er aus der Schlaufe gezogen wurde. An diesem kurzen Einatmen davor. Ich rannte nicht mehr. Ich blieb stehen. Vielleicht tut es weniger weh, wenn ich nicht weglaufe. Der Schlag traf meinen Rücken. „Du provozierst das“, sagte er. Ich dachte nur: Ich wollte nur, dass ihr mich anschaut. Am nächsten Morgen kam das Jugendamt.
Eine Frau mit Ordner. „Wir müssen über das Kindeswohl sprechen. Aufgrund fortbestehender Kindeswohlgefährdung wird eine Inobhutnahme geprüft.“ Was nicht in der Akte stand: Dass ich gehofft hatte, jemand würde fragen, warum ich nachts nicht schlafe. Warum ich schreie. Warum ich immer wieder prüfe, ob jemand kommt. Niemand fragte.
Kapitel 4: Wir haben dir eine Chance gegeben. Der Satz traf härter als jede Ohrfeige. Ich versuchte leiser zu werden. Ich bewegte mich vorsichtiger. Ich atmete flacher. Zu laut war falsch, zu still war auch falsch. Es gab keinen richtigen Zustand. „Im familiären Kontext zeigt sich eine zunehmende Belastung durch wiederkehrende Konfliktsituationen.“ Belastung. Ich kannte das Wort. Belastung bedeutet: Man hält dich nicht mehr aus. Ein neuer Name ist ein Versprechen. Aber auch ein Risiko. Er sagt: Du gehörst dazu. Aber er flüstert auch: Verdien es.
Kapitel 15: Was ich gebraucht hätte ? Ich brauchte keine strengeren Regeln. Ich brauchte auch keine weiteren Diagnosen, keine neuen Etiketten, keine noch genaueren Beschreibungen dessen, was mit mir „nicht stimmte“. Ich hätte jemanden gebraucht, der geblieben wäre. Nicht nur körperlich, sondern innerlich. Jemanden, der meine Wut nicht als Angriff verstand, sondern als Signal. Jemanden, der sagte: „Ich sehe, wie groß deine Angst ist“ – nicht: „Reiß dich zusammen“.